Witzigerweise war das einzige, was ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht bedacht hatte, dass ich den Piloten ja in die Richtung dirigieren musste, von der aus ich meiner Ansicht nach den besten Blickwinkel hatte. Danach hätte er unsere Jet Ranger noch richtig ausrichten müssen, während ich in aller Eile Blende, Belichtungszeit, Filter und alles andere einstellte.
Aber der Pilot ist kein Fotograf. Er weiß entsprechend nicht, wonach ich suche, und erklären kann ich’s ihm nicht, bis ich es selbst sehe. Da er sich nicht vorstellen kann, was für mich auf so einem Flug interessant sein könnte und wann es für mich interessant sein könnte, muss ich mir schnell etwas ausdenken und es vor allen Dingen kommunizieren. Um diese Tageszeit nicht eben meine Stärke.
Obendrein war ich völlig überwältigt von dem, was da alles in horrender Geschwindigkeit an mit vorbeirauschte und oft spontane und automatische Reaktionen erforderte. Ich begann mich zu fragen, ob ich nicht vielleicht etwas naiv gewesen war. Tausend Gedanken schossen mir gleichzeitig durch den Kopf, vor allem aber dieser: »Die Sache kostet mich eine Menge Kohle und sollte sich auch lohnen!« Der Stress wuchs.
Wo wir gerade beim Thema Geld sind, möchte ich noch etwas erzählen, das böse Folgen hätte haben können. Auf dem letzten Abschnitt des Flugs tauchten wir in ein tiefes Tal ab und ich merkte, dass das Licht mehr die Wirkung hatte wie noch eine Stunde zuvor. Da ich jedoch zu den Fotografen gehöre, die ihre Kamera erst aus der Hand legen, wenn der Trip auch wirklich vorbei ist, hielt ich weiter munter drauf. Die Blendeffekte auf dem Fenster wurden stärker und ich musste das Objektiv seitlich aus dem Fenster in den Wind halten. Das hatte ich die ganze Zeit über immer wieder gemacht, und es war gutgegangen. Bis jetzt.
Ich verwende einen Lee-Filteraufsatz für die verschiedenen ND-Grad-Filter, mit denen ich fotografiere. Normalerweise lässt er sich sicher auf all meinen Objektiven festmachen und ist leicht austauschbar. Auf unserem Rundflug, wo sich alles so schnell änderte, hatte sich das als echtes Plus erwiesen. Aber ganz so fest saß der Filter dann eben doch nicht.
Kurz bevor der Pilot zur Landung ansetzte, wollte ich das Objektiv wieder in den Hubschrauber ziehen. Dabei blieb der Filter am Rand der kleinen Fensteröffnung hängen und Aufsatz samt Filter verschwanden auf Nimmerwiedersehen in Kanadas Weiten. Der Pilot hörte meine Kraftausdrücke und fragte, was los sei. Über den Lärm im Cockpit schrie ich ihm zu, dass sich meine Filter gerade durch das Fenster verabschiedet hätten. Sein einziger Kommentar war, wir hätten Glück gehabt, dass der Heckrotor nicht getroffen worden sei, was einen tödlichen Trudelflug zur Folge gehabt hätte … Danach war ich froh, noch am Leben zu sein und betrachtete den Verlust der teuren Filter als verschmerzbar.
Dieser ganze Ausflug ist so schnell an mir vorbei gerast, dass ich mich gefragt habe, ob all das wirklich passiert ist. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich auf meinen Abenteuern das meiste verpasse, weil sie so fotoorientiert sind und ich die meiste Zeit durch einen Sucher blicke. Und doch weiß ich nicht, ob ich ohne diese fotografische Motivation den Antrieb hätte, in die entferntesten und unwirklichsten Winkel der Erde vorzudringen.
Ich vermute mal, auf lange Sicht gleicht sich das aus. Ich bin froh, das Glück zu haben, so viel von unserer Welt sehen und erleben zu können, und einiges davon mit den Leserinnen und Lesern hier auf ACDSee.com zu teilen.


